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Dezember 2009

"Welche Hilfe brauchen Senioren, die allein zu Hause wohnen?"

Tages-Anzeiger vom 9.10.2009
Von Romeo Regenass


Mit 5 bis 8 Stunden Unterstützung pro Woche können Betagte länger zu Hause leben, sagt eine neue Studie.


Unsere Gesellschaft altert, und das mit grossem Tempo. Bis 2040 dürfte sich die Zahl der über 80-Jährigen laut dem Bundesamt für Statistik mehr als verdoppeln, von derzeit 290'000 auf gegen 680'000 Personen. Einerseits erhöht sich der Anteil älterer Menschen als Folge des Geburtenrückgangs, anderseits steigen Zahl und Anteil betagter Menschen durch die erhöhte Lebenserwartung. Tendenziell verzögert sich auch der Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim. Das erhöht den Pflegebedarf in den eigenen vier Wänden massiv.

 

Dabei geht es bei weitem nicht nur um medizinische Pflege. Um möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben zu können, ist auch Unterstützung im Alltag nötig. Nur: was für eine Unterstützung? Welche Bedürfnisse haben
Senioren, die trotz eingeschränkter Autonomie zu Hause alt werden wollen? Welche Hilfe wünschen sich Angehörige von Betagten, die noch nicht im Alters- oder Pflegeheim leben?

 

Erste Studie dieser Art
Zu diesen Fragen gab es bisher sehr wenig empirisches Material. Das auf die häusliche Betreuung von Seniorinnen und Senioren spezialisierte US-Unternehmen Home Instead, das seit kurzem auch in der Schweiz tätig ist, hat dazu erstmals eine Studie erstellen lassen. Die Resultate geben einen Überblick über die Lebensrealität von Betagten, die auf häusliche Betreuung angewiesen sind:

  • 7 von 10 Betagten benötigen weniger als acht Stunden Unterstützung pro Woche, um weiterhin einigermassen autonom leben zu können. Mit Abstand am meisten Dienstleistungen werden tagsüber gebraucht, deutlich weniger morgens, abends und in der Nacht.
  • Helfen im Haushalt, Instandhalten der Wohnung und Einkaufen sind die gefragtesten Dienstleistungen. Jeder dritte Betagte wünscht sich ganz einfach Gesellschaft. Nur wenige brauchen hingegen Hilfe beim Essen, bei der Benutzung der Toilette oder beim Aufstehen und Zu-Bett-Gehen.
  • Die betreuten Senioren sind zumeist über 70, die Mehrheit ist weiblich und allein; 32 Prozent leben noch mit dem Partner. Die Hälfte hat eine Berufslehre absolviert, ein Viertel eine Fachhochschule oder Universität, ein Viertel die obligatorische Schule. Fast die Hälfte lebt im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung.
  • Eine Verschlechterung des Gesundheitszustands ist der meistgenannte Grund, dass eine Betreuung nötig wird. Oft wird sie auch von Hausärzten empfohlen. Beschwerden orthopädischer Art sind häufig ein Auslöser dafür, gefolgt von Einsamkeit, Isolation und Demenz.
  • Die Angehörigen der Senioren, im Wesentlichen Töchter und Söhne, sind zumeist jünger als 60 und zum grossen Teil noch berufstätig. Ihr Bildungsstand ist insgesamt etwas höher als jener der Senioren.
  • Entscheidungen, ob und welche Betreuungsdienstleistungen in Anspruch genommen werden sollen, sind in 7 von 10 Fällen Familiensache. Die Kontakte zwischen Senioren und Angehörigen sind relativ häufig: Je ein Viertel sieht sich mehrmals pro Woche, wöchentlich und mehrmals pro Monat. 
  • Jeder zweite Angehörige wohnt weniger als 15 Kilometer vom betreuten Senior entfernt. Angesichts der zunehmenden Mobilität in der Gesellschaft dürfte sich diese Distanz in den nächsten Jahren erheblich vergrössern.
  • Jeder dritte Befragte gibt an, ausschliesslich von Verwandten (45 Prozent), Bekannten oder Nachbarn betreut zu werden. Nicht untersucht hat die Studie, welche Verwandten für die Betreuung zuständig sind. Es ist aber anzunehmen, dass zumeist Frauen die unentgeltliche Aufgabe übernehmen.
  • Ein weiteres Drittel nutzt nur private oder gemeinnützige Anbieter: Spitex, Pro Senectute sowie Angebote von sozialen Diensten, privat angestellten Betreuern oder spezialisierten Unternehmen. Die Spitex ist mit 31 Prozent der mit Abstand meistgenutzte Anbieter. 
  • Die durchschnittlichen Kosten der beanspruchten Dienstleistungen liegen bei 37 Franken pro Stunde. Dieser Wert ist aber nur so tief, weil auch die kostenlosen Dienste in die Berechnung einflossen. In zwei Dritteln der Fälle trägt der Senior zumindest einen Teil der Kosten, in einem Drittel tut dies auch die Grundversicherung der Krankenkasse. Nur ein Viertel hat eine Zusatzversicherung, die sich daran beteiligt. Angehörige tragen in jedem fünften Fall etwas bei, manchmal kommen auch Ergänzungsleistungen zum Zug.
  • Sowohl bei den Senioren als auch bei Angehörigen befürwortet eine klare Mehrheit die Betreuung durch spezialisierte Unternehmen. In beiden Gruppen sieht dies rund ein Drittel als zwar nicht optimale, aber realistische Lösung an. Knapp ein Fünftel hat Mühe, Hilfe von aussen zu akzeptieren. Jeder zehnte Senior lehnt es gar rundweg ab, von einem beauftragten Unternehmen betreut zu werden. 
  • Für 73 Prozent der Senioren ist es wichtig, zu Hause bleiben zu können, für ein Drittel gar «absolut wichtig». Die Werte der Angehörigen sind nur minim darunter. Der Verbleib in den eigenen vier Wänden ist vor allem jenen wichtig, die auf Verwandte, Freunde und Nachbarn zählen können.

 

Home-Instead-Geschäftsführer Paul Fritz ist erfreut über das Ergebnis der Studie: «Auch in der Schweiz bestätigt sich damit, was sich schon in den USA, in Japan, Grossbritannien, Irland und Australien gezeigt hat: Die
Leute wollen zu Hause alt werden.» Was die Studie auch an den Tag gebracht hat: Viele Senioren und Angehörige beschäftigen sich erst mit Fragen der Betreuung, wenn der Bedarf akut wird.

 

Politische Forderungen
Für die Untersuchung haben Sozialforscher von GfK Austria im Mai dieses Jahres in der Deutschschweiz 252 Empfänger nicht medizinischer Seniorendienstleistungen sowie Angehörige befragt, die in die Entscheidungen bezüglich Betreuung oder in die Betreuung selbst eingebunden sind. Die Resultate der Studie sind plausibel, auch wenn ihr der Mangel anhaftet, eine Auftragsstudie zu sein.

 

Home Instead leitet daraus auch politische Forderungen ab: Es brauche eine nationale Politik, die Senioren, die sich für ein Leben zu Hause entscheiden, ermutigt und unterstützt. Das habe Vorteile für die Senioren selbst, aber auch für die Gesellschaft. Der Bundesrat sei nicht dafür verantwortlich, Antworten auf diese Herausforderung zu finden. Aber er sei am besten dafür geeignet, mit der Suche nach Lösungen zu beginnen, die öffentliche und private Ressourcen auf möglichst effiziente Weise verbinden.